Landesturnverband
Steiermark
Gabriel Rossi

Kunstturnen Männer

Kaum eine andere Sportart ist derart umfassend Ausdruck von Körperbeherrschung wie das Kunstturnen. Mit höchster Virtuosität sieht man bei Welt- und Europameisterschaften sowie Olympischen Spielen, wie die internationalen Meister ihre Körper unter perfektem Einsatz von Kraft und Technik auf den Geräten bewegen. Das ist schön zum Anschauen. Aber wie bringt man es so weit?

Kunstturnen beginnt mit einer umfassenden (polysportiven) Grundausbildung, die Elemente des Allgemeinturnens, des Team-Turnens, des Trampolinspringens und auch der Leichtathletik beinhaltet. Auf spielerischer Basis lernen die Kinder den Umgang mit den Geräten und können turnerische Bewegungen unter fachgerechter Anleitung und Aufsicht ausprobieren.

Zum Einstieg in das Wettkampfgeschehen gibt es ein differenziertes, auf die jeweiligen Altersklassen abgestimmtes System, das die Durchlässigkeit zum Allgemein-Turnen gewährleisten soll.

Die Olympischen Turngeräte sind Boden, Pauschenpferd, Ringe, Sprung, Barren und Reck. In den Schülerklassen (bis 16 Jahre) werden „Pflichtübungen“ geturnt. Diese beinhalten eine vorgeschriebene Reihenfolge von festgelegten Elementen. Im Wettkampf müssen an allen Geräten von allen Turnern die vorgeschriebenen Übungen geturnt werden. Ohne den so genannten Mehrkampf ist es – anders als in der Leichtathletik – nach wie vor nicht möglich, an die Spitze zu kommen.

Ab der Juniorenklasse (ca. 16 bis 18 Jahre) werden nur mehr „Kürübungen“ geturnt. Bei Kürübungen hat der Turner Elemente verschiedener Schwierigkeitsgrade (A- bis G-Teile) zu einer Übung zusammenzustellen.

Grundvoraussetzung für den Erfolg beim Turnen ist neben Ehrgeiz, Fleiß und Talent wie bei jeder Sportart, dass der Athlet Freude an der Sportausübung hat. Denn nur mit der richtigen Begeisterung kann der teilweise auch beschwerliche Trainingsalltag die erwünschten Spitzenleistungen hervorbringen.

Bei den Steirischen Landesmeisterschaften, die jedes Jahr im Frühjahr (meist im Mai) stattfinden, kann man sich ein Bild von den Steirischen Turnern machen, von Anfängern bis zu Weltmeisterschafts-Teilnehmern.

Vereine

Folgende Vereine sind aktiv im Kunstturnen tätig und nehmen an Landesmeisterschaften teil:

Wie ermittelt man den besten Turner?

Die Bewertung der Übungen im Kunstturnen ist alles andere als einfach. Leider ist es nicht möglich, mit der Stoppuhr oder dem Maßband ein völlig objektives Ergebnis zu ermitteln. Das Bewertungssystem versucht dennoch, einen möglichst objektiven Rahmen dafür zu schaffen.

Die Bewertung funktioniert je nach Schwierigkeits-/Altersklasse unterschiedlich. Für die „Großen“ (Junioren, Elite) regeln die internationalen Wertungsvorschriften (Code de Pointage) die Bewertung der Kürübungen. Seit 1993 gibt es auf internationaler Ebene keine Pflichtübungen mehr. Seit Beginn des Jahres 2006 ist ein neues Wertungssystem in Kraft, das die Bewertung grundlegend geändert und die Quadratur des Kreises in der Form geschafft hat, dass die Höchstnote 10 gleichzeitig abgeschafft und beibehalten wurde.

Die Endnote setzt sich aus der D-Note und der E-Note zusammen.

Die D-Note (Difficulty) bewertet die Schwierigkeit der Übung. Dafür sind an allen Geräten mit Ausnahme des Sprungs sämtliche Turn-Elemente in Schwierigkeitstabellen eingestuft, wobei jedes Element einen Schwierigkeitswert von A bis I (A am leichtesten: zB Handstand am Boden oder Barren; I am schwersten) erhält und einer von vier (am Boden: drei) Strukturgruppen zugewiesen wird. Jedes Element hat einen bestimmten Wert: A-Teil 0,1, B-Teil 0,2 etc. bis I-Teil 0,9 Punkte. Die 10 schwierigsten Elemente einer Übung (bei Junioren acht) werden nun addiert, weiters bekommt man für jede erfüllte Elementgruppe 0,5 Punkte, schließlich am Boden und am Reck für bestimmte Verbindungen bis zu zwei Zehntel, die ebenso addiert werden.

Am Sprung hat jeder Sprung einen eigenen Schwierigkeitswert zugewiesen.

Die E-Note (Execution) bewertet die haltungsmäßige und technische Ausführung der Übung. Bei der E-Note wird nach wie vor von den perfekten 10 Punkten ausgegangen. Für mangelhafte Ausführung können bis zu 0.5 Punkte pro Fehler (nicht pro Element: pro Element kann es weitaus mehr sein!), bei Sturz vom oder auf das Gerät 1.0 Punkte, abgezogen werden. Der E-Kampfrichter muss ein besonderes Auge für die technisch richtige Ausführung der Elemente haben. Manche Fehler (z.B. Stürze oder Standfehler bei der Landung) sind auch für den Laien leicht erkennbar. Andere Fehler, wie etwa die Abweichung aus der optimalen Endposition bei gewissen Schwungelementen (z.B. Adler oder Drehungen am Reck), bedürfen eines geschulten Auges. Zur Ermittlung der E-Note werden die höchste und niedrigste E-Note gestrichen und die restlichen E-Noten gemittelt. Bei Großveranstaltungen (EM, WM, Olympische Spiele etc.) gibt es noch Referenz-Kampfrichter, die die Objektivität der E-Note verbessern soll.

Zur Ermittlung der Endnote werden schlussendlich die D-Note und die E-Note addiert.

In den anderen Altersklassen, die national geregelt sind, gibt es grundsätzlich Pflichtübungen, sodass (fast) nur die E-Note entscheidet. Bei den Österreichischen Jugendmeisterschaften werden jedoch zur Ermittlung der Einzelmeister in den Jugendstufen 1 bis 3 zusätzlich zu den Pflichtübungen Kürübungen verlangt, sodass die Jüngeren bei ihren Meisterschaften einen Zwölfkampf bestreiten müssen. Dieses System hat sich durch die Möglichkeit, im Mannschaftswettkampf (Pflicht) eher die Breite anzusprechen und im Einzelwettkampf (Kür) über die Kür die Besten zu ermitteln, sehr bewährt.

Diese (stark vereinfachte) Übersicht über das Wertungssystem zeigt, dass die Bewertung des Kunstturnens nicht einfach ist. Darum seien Zuschauer, Trainer, Turner und vor allem Eltern um Nachsicht gebeten, wenn der eine oder andere Fehler in der Bewertung passiert. Selbstverständlich unverzeihlich und unentschuldbar ist jedoch die absichtliche und bewusste Bevorzugung einzelner Turner, Vereine oder Bundesländer bei den einzelnen Wettkämpfen. Zum Glück ist dies jedoch gerade beim Kunstturnen der Männer in Österreich sehr selten der Fall. Das liegt auch am kameradschaftlichen Klima, das in der gesamten Kunstturn-Familie herrscht.

Aufgrund der Schwierigkeit der Bewertung ist es notwendig, teilweise sehr aufwendige Kampfrichter-Kurse zu besuchen. Für international und national geprüfte Kampfrichter ist es verpflichtend, alle vier Jahre zu Beginn des Olympischen Zyklus neuerlich die Kampfrichterprüfung abzulegen.

Kampfrichter

In der Steiermark verfügen wir derzeit über ein junges, gutes und einsatzfreudiges Kampfrichter-Team:

Internationales Brévet: 
Jörg Christandl (Kat. III), Dieter Hayn (Kat. III), Thomas Hayn (Kat. II)

Nationale Prüfung:
Benno Poduschka (D), Claus Reithofer (D), Markus Schreiber (D), Volker Ziegler (E)

Regionale Prüfung:
Maximilian Chanterie (D), Paul Kolmayr (E), Niklas Mayer (E), Nikolaus Vertacnik (E)